Interview

Authentizität hat ihren Preis

 

Wolfgang Kaschuba ist Kreuzberger Schwabe mit ostpreußischem Familienhintergrund und kauft als Anwohner regelmäßig in der Markthalle Neun ein. Er ist emeritierter Direktor des Instituts für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität Berlin und aktuell Gründungsdirektor des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung ebendort. Vor allem aber lebt er die Diskurse und Phänomene der Stadt in Theorie und Praxis. Viele gute Gründe, um uns beim Mittagessen über Bratkartoffeln und Dosenravioli zu unterhalten. Und über den Preis von Authentizität.

Herr Kaschuba, fangen wir ganz grundsätzlich an, haben wir in Deutschland ein Problem mit unserer kulinarischen Herkunft?

Tatsächlich gibt es in Deutschland nur ganz wenige Kerne von Unterschichtsküche, bürgerlicher Küche, regionaler Küche, die über Generationen hinweg auch in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung weiter existiert haben. Und zwar nicht als ironisches Zitat, sondern als von Identität geprägte Erfahrung. In Frankreich, Italien oder Spanien gibt es ganz andere Traditionslinien.

Sind diese Länder stolzer auf ihre Aromen? Schmeckt es dort einfach besser?

Ein entscheidender Punkt ist die soziale Rolle, die dem Essen beigemessen wird. Nachdem die deutsche Küche im 19. Jahrhundert überhaupt erst einmal so etwas wie eine eigene Identität herausgebildet hatte, insistierte sie immer auf das Mittagessen, während die mediterrane Küche eben Wert auf das Dinner legt. In diesen Ländern blieben Traditionen bestehen, während das Mittagsessen unter spätmodernen Beschäftigungsverhältnissen zum Lunch und zum Imbiss verkommen ist. Die Deutschen mussten ja erst im Urlaub lernen, was es bedeutet, abends zu essen. 

Wir mussten ja auch wieder lernen, handwerkliches Sauerteigbrot oder Teltower Rübchen wertzuschätzen …

Man kann das ganz gut an der Karriere von Bratkartoffeln und Kartoffelsalat beschreiben. Sie wurden zunächst als schlecht beleumundete Regionalküche von tiefgefrorenen Convenience-Produkten wie Pommes und Kroketten verdrängt, um dann mit den Weihen des Handgemachten und der Regionalität als jetzt teuerste Beilage wieder wie Phönix aus der Asche aufzusteigen.

Hat das Handgemachte wieder Konjunktur?

Das hat auch ganz viel mit dem Haptischen zu tun, ich kann was anfassen, zerkleinern, spüren. Alle Produkte, die von sich behaupten können, handgemacht zu sein, gelten inzwischen wieder als hochwertig. Gehen wir mal zurück in die Nachkriegsmoderne, da waren Ravioli aus der Dose dem Handgemachten aber sowas von überlegen. Da galt der Supermarkt als Statussymbol.

Heute sind die Dosenravioli immerhin noch unschlagbar günstig.

Da gibt es ja diese berühmte Antwort drauf: Authentisch sein kostet. Egal ob das jetzt clean, bio oder brutal lokal ist – es kostet, und zwar Zeit, Energie, Geist, aber eben auch Geld. Das ist im Übrigen nicht nur beim Essen so – sondern in allen Lebensbereichen.

Erleben Sie eine Gesellschaft, die zunehmend bereit ist, den Preis für diese Authentizität zu zahlen?

Zumindest erlebe ich eine Gesellschaft, in der authentische Erfahrungen wieder wichtiger werden. Und ich erlebe gerade das Essen als einen Ort, an dem wir diese Erfahrungen suchen.

Wie passen die oft harten Bandagen in dieses Bild, mit denen die Anhänger verschiedener Ernährungsphilosophien gegeneinander antreten?

Ob der Katholik nun am Freitag Fisch oder Maultaschen isst, war ja spätestens mit der säkularisierten Alltagskultur des zwanzigsten Jahrhunderts eine Verhandlungssache. Aber plötzlich radikalisieren sich die Diskurse über das Essen in einer Weise, die einem schon Sorge machen kann. Andererseits zeigt aber auch das wieder den Stellenwert, den das Essen heute hat. Mit dem Inhalt seines Kühlschranks kann man sich positionieren und andere stigmatisieren. Wir haben eine sehr starke Tendenz, uns als eine Gesellschaft der Lebensstile zu konsolidieren – die Esskultur ist momentan einer der wirkmächtigsten Faktoren.

Erzählen Sie aus dem Alltag dieses Gesellschaftsentwurfs.

Nehmen wir nur mal den Breakfast Market hier in der Markthalle Neun. Da kommen Leute zusammen, die eben nicht in ihrem Ausgangspunkt – also Alter, Geschlecht, Einkommen, Religion etc. – homogen sind. Die Homogenität stellt sich gerade umgekehrt erst an diesem Ort her. Das Interesse an Esskultur, das ist die Gemeinsamkeit. Diese Gruppe hat also nicht, wie man sich das früher mal vorgestellt hat, 17 identische Merkmale – ich bin katholisch, Maurermeister, im Schützenverein, liebe Fußball, trinke Bier. Diese Gruppe formiert sich als offenes Projekt um das gemeinsame Interesse an Esskultur. Aus dieser Offenheit kann viel erwachsen.

Sprechen wir jetzt über Deutschland? Oder über Berlin?

Berlin hat diesbezüglich tatsächlich Laborcharakter. Und ich finde es ganz spannend, dass wir gerade in den Mittelstädten Projekte haben, die diese Urbanität nachahmen: Stadtstrände, Urban Gardening oder Street-Food-Märkte gibt es längst von Flensburg bis Konstanz.

Interview von Clemens Niedenthal