Rückblick

Das Land kommt in die Stadt!

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Zum ersten Mal laden wir alle, aber wirklich alle, die mit Essen zu tun haben, zu uns nach Kreuzberg ein Essen ist ein Thema. Für jeden von uns, und das mehrmals am Tag. Es macht uns glücklich. Es macht uns satt. Es kommuniziert eine Haltung und einen Lebensstil. Essen ist das neue Feiern, auch das. Ist Popkultur im Sinne jenes sinn- und glücksstiftenden Versprechens, wie es auch ein gutes Konzert oder eine vibrierende Party sind. Am besten feiert es sich mit ökologischen, regionalen und fair gehandelten Produkten, die mit Geist und mit Herzblut zubereitet werden. Darum geht es seit drei Jahren in der Markthalle Neun. Genauso aber geht es um Diskussion, um die Lebens(mittel)wirklichkeit jenseits des Tellerrandes. Essen ist auch politisch. Genau davon handelt Stadt Land Food, das Festival für gutes Essen und gute Landwirtschaft. Und so wird am ersten Oktoberwochenende rund um die Kreuzberger Markthalle Neun also gekäst, gewurstet, geröstet, gebraut und geknetet. Stadt Land Food will das Lebensmittelhandwerk zurück in die Stadt und unter die Menschen bringen. In den Werkstätten gibt es echtes Lebensmittelhandwerk zum Anfassen und selbst Ausprobieren. Im Mittelpunkt stehen die Produkte in all ihren Facetten und Aggregatszuständen: vom Anbau guter Zutaten über die verschiedenen Schritte der Produktion bis hin zum fertigen Produkt, das man sehen, fühlen, riechen und schmecken kann. Geboren wurde diese Idee gemeinsam vom Team der Markthalle Neun und dem Agrarbündnis „Meine Landwirtschaft“, den Organisatoren der „Wir haben es satt“-Kampagne. Gut 30.000 Menschen hatten im vergangenen Januar im Regierungsviertel für eine transparentere, kleinteilig organisierte Lebensmittelkultur protestiert. Der unserem täglichen Brot und seinen Produktionsbedingungen geltende Protest wird ob seiner gesellschaftlichen Dimension bereits mit der Anti-Atom-Bewegung der Achtzigerjahre verglichen. So sieht der US-amerikanische Wissenschaftsjournalist Michael Pollan in dieser global vernetzten Bewegung eine gesellschaftliche Kraft, die es mit den weltweit agierenden Lebensmittelkonzernen aufnehmen kann. Gerade von westlichen Großstädtern, so schrieb er in der New York Times, werden alltagspolitische Entscheidungen getroffen, „auf die irgendwann selbst Nestlé reagieren werden muss“. Ein Ort wie die Markthalle Neun bietet die Möglichkeit, regionale, fair produzierte und vor allem gute Produkte kaufen zu können. Diese neue Lebensmittelkultur funktioniert vielleicht auch deshalb besonders gut auf Märkten, weil der direkte Kontakt zu den Erzeugern und Händlern die ethische Entscheidung für einen anderen, bewussteren Konsum um ein emphatisches Erlebnis erweitert: Es macht schlichtweg mehr Spaß, jenseits einer rationalisierten Supermarktkultur mit echten Menschen authentische Lebensmittelerlebnisse zu teilen. Stadt Land Food feiert diese Lebensmittelkultur. Eine Grünere Woche mit einem bunten Programm. Kochen, essen, streiten, diskutieren. Wünsche formulieren. Theoretisch, praktisch, kreativ, kulinarisch. Auf den Feldern und Äckern ist die Ernte jetzt eingefahren. Für dieses Jahr. Fragen des guten, fairen Lebens und seiner kulinarischen Rahmenbedingungen müssen indes auch künftig beackert werden. Offen, lustvoll, gemeinschaftlich. Clemens Niedenthal