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Identität aufgetischt!

Essen macht satt. Dass das schon sehr viel ist, weiß jeder, der einmal wirklich Hunger gehabt hat. Aber Essen macht noch viel mehr. Essen macht uns – und genau das ist das Thema des zweiten Stadt Land Food-Festivals vom 1. bis zum 3. Oktober. Am Erntedankwochenende dreht sich in der Markthalle Neun und im Kreuzberger Kiez drumherum also alles um gute Lebensmittel, ihre fairen Produktionsbedingungen und vor allem die Frage, wie viel Identität wir aus unseren Lebensmitteln ziehen. Identität ist hier durchaus im Sinne eines Nährstoffs gemeint.

„Esse nichts, was Deine Großmutter nicht als Essen erkannt hätte“, hat der Autor und Food-Aktivist Michael Pollan einmal geschrieben. Das ist schon mal ein guter Anhaltspunkt. Unser Essen ist vielleicht die unmittelbarste Form der Kultur. Ein Wissen, eine Kulturtechnik, dass über die Generationen weitergegeben und verfeinert worden ist. Erst mit der Industrialisierung unserer Nahrung (und auch der Landwirtschaft) wurde Essen zunehmend zu einer abstrakten Größe. Soulfood ist ein sehr schöner Begriff, der, wenn er denn auch mit Seele gefüllt wird, unser Anliegen beschreibt: Wir wollen den Lebensmitteln – und auch dem sozialen Akt des Essens – seine Seele zurückgeben. Und so wird das Stadt Land Food-Festival diese Frage stellen: Wie fühlt sich Berlin, wie fühlt sich Brandenburg auf dem Gaumen an? Und wie auf dem Feld, der Weide, dem Stadtacker? In elf Werkstätten wird am Erntedankwochenende deshalb gekäst, gewurstet. geröstet. Vor allem: Es wird die Möglichkeit gegeben, unser Essen wieder mit den Händen, mit den Sinnen zu begreifen. Circa 150 Produzenten und Händlerinnen, Bauern und Gemüsegärtnerinnen werden unseren großen Stadt Land Food-Markt im Kiez um die Markthalle Neun bespielen. Mit regionalen, handwerklich und fair erzeugten Produkten. In Vorträgen, Podiumsdiskussionen und dem von unserem Partner „Meine Landwirtschaft“ organisierten Kongress „Wir haben es satt“ werden die Fragen der Ernährung, ihrer Produktionsbedingungen und, ja, auch des Genusses kontrovers und vor allem kenntnisreich diskutiert. Mit vollem Mund spricht man nicht? Über volle und genauso leere Münder müssen wir reden! Stadt Land Food bringt das Lebensmittelhandwerk zurück in die Stadt und zu den Menschen.

Essen ist Identität. Essen ist Heimat. Und kann so auf unterschiedliche Weise auch vom Heimatverlust erzählen. Dort sind jene, die ihr Essen, ihre Rezepte mit in die Fremde gebracht haben. Hier sind jene, die verlernt haben, wonach Heimat schmeckt. Noch immer im Ohr die Geschichte, die der Künstler und Filmemacher Peter Kubelka während des ersten Stadt Land Food-Festivals erzählt hat: wie die Italiener die die typische Pasta ihrer Region, und damit ihre Region, am Gaumen erfühlen. Das geht kaum mit Nudeln aus dem Supermarkt. Pollan plädiert für eine Unmittelbarkeit unserer Nahrungsmittel, einem Wissen, dass aus einer kulturellen Praxis erwachsen ist. „Mothers Mother“ heißt deshalb eine Dinner-Reihe, die Teil des Festivals sein wird. Die Rezepte der Großmütter, nicht als verklärtes Retrospektakel, sondern als bewusstes Erinnern und Erzählen. Wer sich etwa zu Geflüchteten an den Tisch setzt, wer mit ihnen kocht und mit ihnen isst, wird tiefer und anders verstehen, was Heimat ist und wie es sich anfühlen kann, keine Heimat mehr zu haben. Ein solches gemeinsames Mahl, eine Heimattafel, wird, in dieser wie jener Form, gleich mehrmals während des Festivals geben.

Stadt Land Food feiert diese Lebensmittelkultur. Eine Grünere Woche mit buntem Programm. Kochen, Essen, Streiten, Diskutieren. Wünsche formulieren. Theoretisch, praktisch, vollmundig. Fragen eines guten, fairen Lebens und seiner kulinarischen Rahmenbedingungen werden gemeinsam beackert. Offen, lustvoll, optimistisch.

Clemens Niedenthal